Der gläserne Leser

08. Februar 2010

Ja, ich HABE gestern Abend nach der Chorprobe noch ein großes Pils getrunken - und ein kleines hinterher. Meine Kehle war wie ausgetrocknet nach zwei Stunden „Sound of Silence” und „Every Breath you Take”. Tat einfach gut, die Hopfenkaltschale! Aber woher in aller Welt weiß Amazon das?

Heute früh, als ich mir einen (von einem Chor-Tenor empfohlenen) Thriller bestellen möchte, begrüßt mich die Online-Buchhandlung vorwitzig mit der Behauptung, dieses Buch könne mir gefallen: Die feine Art des Saufens. Ein Handbuch für den modernen Trinker” von Frank Kelly Rich.

Ich fühle mich ertappt und lese mit wachsender Verwunderung die Inhaltsangabe:

„Dieses höchst unterhaltsame Buch versammelt alles, was das stilvolle Trinkerherz begehrt: Benimmregeln für Betrunkene, 33 Dinge, die jeder Säufer einmal getan haben sollte, die besten Trinkertricks, Traumberufe für Trinker …”

Also bitte - als ob ich das nötig hätte! Ein „stilvolles Trinkerherz” hat mir noch kein Arzt attestiert, mein Benehmen lässt trotz des Gerstensaftes (hoffentlich) nicht mehr zu wünschen übrig als ohne Alkohol, mit Trinkertricks hab ich nichts am Hut und meinen Traumberuf längst gefunden.

Ich lese weiter:

„Und man erfährt, wie man Ruhm und Ehre nach der Sperrstunde erwirbt, die Mutter aller Partys inszeniert, und wie man mit Abstinenzlern auskommen kann. Kein Alkohol ist auch keine Lösung - deshalb gibt es dieses Buch.”

Lieber Frank Kelly Rich, wahrscheinlich haben Sie da ein Buch verfasst, das der Welt noch gefehlt hat. Genau wie das von Ihnen gegründete Magazin „The Modern Drunkard”. Und sicher können Sie und Ihre bezaubernde Frau Christa in Denver davon ganz wunderbar leben. Ich gönne es Ihnen. Aber keine Sorge - die Sperrstunde war für mich persönlich noch nie ein Problem, die Mutter aller Partys ist mit mir nicht verwandt und mit Abstinenzlern komme ich hervorragend aus - einige meiner besten Freunde sind Abstinenzler!

Und liebes Amazon-Team, ich weiß das Bemühen, mir interessante Produkte vorzuschlagen, sehr zu schätzen. Aber mir deswegen im Gasthaus zum kühlen Grunde nachzuspionieren und mir am nächsten Morgen mein harmloses Pils vorzurechnen, finde ich wirklich nicht nett von euch. Lieber schaue ich ganz unbeobachtet zu tief ins Glas, als dass ich zum gläsernen Leser werde …

Perfektes Timing

04. Februar 2010

Die FDP fordert nationale Streusalzreserven. Also so etwas Ähnliches wie die US-amerikanischen Goldreserven, nur eben Salz. Salz wird den Untergang des Abendlandes verhindern. Aber auch den Untergang der FDP?

Nun wollen wir mal nicht so streng sein. Das Argument kommt wirklich zum richtigen Zeitpunkt: Am Tag NACH Einsetzen des Tauwetters. Und überhaupt NACHDEM das Thema in jeder Talkshow, in jeder Automobilzeitschrift und an jedem Stammtisch durchgekaspert wurde. Nicht zu vergessen NACHDEM die FDP “Regierungsverantwortung übernommen” hat.

Nationale Streusalzreserven - also wirklich. Sowas fordert man doch höchstens als Oppositionspartei! Aber so lange wollte sie dann doch nicht mehr warten mit dem Vorschlag, die FDP …

Kichrige Kichererbsen? Kikeriki!

02. Februar 2010

Die Welt atmet auf: Brangelina teilen vorerst Hab und Gut und Kind und Kegel nicht auf, sondern besuchen demonstrativ als Paar die Directors Guild Of America (DGA) Awards.

An sich wäre mir das keinen Blogbeitrag wert, wäre ich nicht über folgenden Kommentar eines ”Beobachters” gestolpert: “Sie sahen kichrig aus”, wird die Online-Ausgabe der Zeitschrift “People” zitiert. Und weiter: “Sie sehen aus, als ob sie eine spaßige Zeit haben. Es war definitiv ein Date.”

So so, kichrig. Es lebe die Worbildungsvielfalt im Deutschen. Aber eigentlich lebe auch die professionelle Übersetzerzunft - ”eine spaßige Zeit haben” ist nun wirklich keine Formulierung, die unkorrigiert bleiben sollte. Und ist es wirklich so schwierig, sich für Gegenwart oder Vergangenheit zu entscheiden? Wem das nicht gelingt, der wird in jedem Supermarkt vollkommen überfordert sein (Tee oder Kaffee? Butter oder Margarine? Geha oder Pelikan?).

Kichrig dagegen ist definitiv eine Bereicherung. Bisher gab es noch kein so treffendes Wort für “Komm-Schatz-wir-tun-vor-allen-Leuten-so-als-ob-wir-uns-blendend-amüsieren-und-furchtbar-verliebt-sind-wie-wir-uns-wirklich-fühlen-geht-keinen-außer-unseren-Anwälten-was-an”-Geturtel.

Pfaltz V?

01. Februar 2010

Kaum ist Frau von der Leyen Arbeitsministerin, will sie Hartz IV abschaffen.

Nein, nicht das Arbeitslosengeld 2, sondern den unschönen Begriff. Ist auch wirklich zu verwirrend:

Immer weniger Hartz-IV-Empfänger beherrschen die lateinische Zahlenschreibweise, zumal man sie mit der Reform der Reform der Rechtschreibung schon zur Genüge verwirrt hat: Schreibt man das norddeutsche Mittelgebirge wirklich mit “tz”?

Wie auch immer, die Arbeitsministerin wünscht sich einen netteren Begriff. Mit besserem Image. Hm. Ein harter Brocken.

Wie wäre es mit Pfaltz V, Schwartzwaldt VI oder Eifell VII? Ansonsten könnte ich noch anbieten: Hurz!

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An Apple a day keeps the evil away?

28. Januar 2010

Zugegeben - der Spot für das neue iPad (hier noch als iSlate bezeichnet) ist cool:

Noch cooler fand ich nur das SWR3-Zitat zum Thema:

“Das letzte Mal, als eine Tafel so große Aufmerksamkeit erregt hat, standen Gebote drauf.”

Hej, ist das nicht eine Marktlücke? Die Gebote-Funktion fehlt tatsächlich! Die Möglichkeiten wären gigantisch:

Wer illegal Musik aus dem Netz lädt, bekommt sofort eine Nachricht, die an das “Du-sollst-nicht-stehlen”-Gebot erinnert.

Pornoseiten? Lösen sofort einen Alarm mit Hinweis auf das ”Du-sollst-nicht-begehren-deines-nächsten-Weib”-Gebot aus.

Und eine E-Mail vom Sohnemann, die nicht respektvoll genug ist, wird sofort gerügt  - schließlich ist auch das “Du-sollst-Vater-und-Mutter-ehren”-Gebot von allergrößter Wichtigkeit.

Vielleicht sollte ich ich mir den Namen iSinner gleich mal schützen lassen …

Wer möchte das Reizende akzeptieren?

25. Januar 2010

Was passiert, wenn man glaubt, für so ein bisschen Englischübersetzung reichen locker ein paar Jahre Schulunterricht? Wenn man also ignoriert, dass Simultandolmetscher unter ähnlich hohem Druck arbeiten müssen wie Fluglotsen und - ohne Zeit für Rückfragen - in rasantem Tempo gleichzeitig hören, beobachten, auch Unausgesprochenes verstehen, vorausdenken, übersetzen und zugleich sprechen müssen?

Beim Semperopernball in Dresden wurde auf beeindruckende Weise vorgeführt, dass dabei nur Käse rauskommen kann: La Toya Jackson sagte überraschenderweise mehr als nur „danke” und „ich liebe euch alle”, sodass der arme Mann in der Übersetzerkabine allein von ihrem Sprechtempo überfordert war.

Doch er war ausgesprochen kreativ und bot uns ganz erstaunliche Alternativen zum tatsächlich Gesagten:

 

Hier noch einmal die schönsten Sätze zum Nachlesen:

Ich möchte das Reizende akzeptieren … aus Dresden.
Ich weiß nicht, ob, ob Michael das gewusst hat.
Sie wissen, er gab uns 39.
Die Leute tanzten bei ihm.
Und, äh, oftmals blieben sie noch bis zum nächsten Tag.
Er dachte … alles. Meine Mutter, mein Bruder.
Auch in anderen verschiedenen Ländern.
Meine Mutter würde, äh, schreien!
Mein, äh, Bruder würde schreien … meine Schwester.
Und er würde sagen: Ihr könnt noch jünger werden!
Ihr könnt jünger bleiben.

Unglaublich?
Ja, man kann sich darüber amüsieren - we love to entertain you.
Man kann aber auch nur ganz sachlich feststellen: Mit einem Textprofi wäre das nicht passiert. Zugegeben - in diesem Fall wäre es schade um das wundervolle Fundstück …

Seh ich richtig?

23. Januar 2010

Wenn ich aufs Ergebnis schaue, leider ja: Der 1. FC Kaiserslautern hat gegen den Tabellenletzten Ahlen leider nur ein Null zu Null geschafft.

Aber darum geht es nicht, sondern um den Schiedsrichter. Beziehungsweise die Schiedsrichterin: Sie heißt Bibiana Steinhaus, ist Polizeibeamtin und hat das Spiel heute geleitet.

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Hej, ich wusste gar nicht, dass Schiedsrichterinnen inzwischen in der zweiten Herrenliga eingesetzt werden. Super!

Nächster Schritt: eine Frau als Bundestrainerin. Damit sich die jungen Millionäre mal so richtig ins Zeug legen …

 

Nix zu melden

22. Januar 2010

Wo Rauch ist, ist meistens auch Feuer. Deshalb sind Rauchmelder eine prima Sache. Im Prinzip. Wenn es brennt, verursachen sie ein ohrenbetäubendes Getöse, das verhindert, dass Menschen im Schlaf an einer Rauchvergiftung sterben. Ihr Signalton ist so schrill, dass man sofort aufwacht und sich in Sicherheit bringen kann.

Doof ist nur, wenn dieser Radau losgeht ohne auch nur das leiseste Fünkchen eines Feuers. Einfach so aus dem nichts heraus.

Noch doofer, wenn davon kein anderer Mitbewohner wach wird. Da bleibt einem nichts anderes übrig, als mitten in der Nacht einen Küchenstuhl zu erklimmen und dem Ungetüm, das an der Decke hängt und immer lauter trötet, die Batterie zu entreißen.

Lieber Rauchmelder, du hast hier bitte nix zu melden - außer ernstgemeinten Warnungen.

Herr Doktor, Herr Doktor, ich glaub, ich hab Unwort!

19. Januar 2010

Wer auf „Bad Bank” getippt hat, lag gar nicht so falsch - immerhin wurde es zum Börsenunwort des Jahres 2009. Und ich verzichte jetzt auf die Frage, ob „Börsenunwort” nicht selbst schon eins ist …

Kommen wir direkt zum Sieger! Das Rennen machte nicht die „Flüchtlingsbekämpfung”, und auch die „intelligenten Wirksysteme” unterlagen  -  das offizielle Unwort des Jahres 2009 lautet: „betriebsratsverseucht”

Die Welt verrät nicht nur, was das bedeutet, sondern auch, wo dieses Negativbeispiel der deutschen Wortbildungsvielfalt zuerst diagnostiziert wurde:

„Im ARD-Magazin ‚Monitor’ vom 14. Mai 2009 habe ein Mitarbeiter einer Baumarktkette berichtet, dass das Wort ‚betriebsratsverseucht’ von Abteilungsleitern verwendet werde, wenn ein Mitarbeiter von einer Filiale mit Betriebsrat in eine Filiale ohne Betriebsrat wechseln wolle.”

Aha! Höchstwahrscheinlich steigt proportional mit der Anzahl betriebsratsverseuchter Filialen auch die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeiter an Morbus Gewerkschaft erkranken - oder gar am gemeingefährlichen Solidaritäts-Syndrom? Pfui Spinne!

Vielleicht hilft prophylaktisch ja eine Schweinegrippen-Impfung? Genug Wirkstoff müsste wohl noch vorhanden sein, sogar - wegen mangelnder Nachfrage - zum Sonderpreis. Ob die Wirkverstärker als Mittel gegen Betriebsratsverseuchung geeignet sind, ist leider nicht erforscht. Aber vielleicht helfen ihre Nebenwirkungen ja wenigstens gegen Unwortitis …

SWR3 und der Fiedel-Heini

18. Januar 2010

Eben gehört und herzlich gelacht: “David Garrett ist ein ganz Großer des Geigensports.” Wie unterhaltsam - und das, obwohl der Meisterfiedler doch überwiegend E-Musik spielt …